2. Fastensonntag

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Aktuelle Informationen aus dem Seelsorgebereich Deutz/Poll

2. Fastensonntag
28.02./01.03.2026
1. Les: Gen 12,1-4a
2. Les: 2 Tim 1,8b-10
Ev: Mt 17,1-9

„Verklärungsbedarf“

Das heutige Evangelium erzählt eine besondere Verklärungsgeschichte,
sie erzählt Verklärung als Erfahrung der Gottesbegegnung.
„Verklärungsbedarf“ – diesen Titel gab der junge
kabarettistische Liedermacher Lennart Schilgen bereits 2019
seinem neuen Programm. Verklärungsbedarf sah er schon
damals vor dem Hintergrund, dass es zu vieles in der Welt und
im Leben gäbe, das – durchaus nicht unberechtigt – die
Menschen zur Schwarzmalerei treibe. Dem müsse und dürfe
man so manche Schönfärberei entgegenhalten, ansonsten
könne man das Leben ja kaum aushalten. Die Erfahrung der
Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, Inflation und Energiekrise,
die Kontroversen zum Umgang mit dem Klimawandel – all das
scheint heute erst recht einen Verklärungsbedarf zu rechtfertigen.
Es ist dabei sicher nicht falsch, sich auch seine
Rückzugsorte und -zeiten zu nehmen, an und in denen man den
Fokus auf die schönen und angenehmen Seiten des Lebens
legt, sich womöglich seinen Wünschen, Träumen und Sehnsüchten
nach einem gelingenden, schönen, krisenfesten und
angstfreien Leben hingibt und der Phantasie erlaubt, so etwas
wie Schönfärberei zu betreiben, weil es sonst kaum auszuhalten
ist.

Solchen Verklärungsbedarf scheint auch die christliche Tradition
zu kennen, wenn es etwa in einem bekannten Osterlied aus dem
19. Jahrhundert heißt: „Verklärt ist alles Leid der Welt, des
Todes Dunkel ist erhellt.“ Vermutlich wird dieses Lied auch in
der diesjährigen Osterzeit in vielen Gottesdiensten erklingen.
Vielleicht bleiben aber auch – angesichts der Häufung von
Krisen, Bedrohungen und Nöten, die uns doch nähergekommen
sind, – der einen oder dem anderen solche Worte im Hals
stecken, drücken sie doch vielleicht noch eine Sehnsucht, aber
für viele eben keine Realität mehr aus. Verklärungsbedarf haben
wir sicher, aber vor der Wirklichkeit flüchten, sich wegträumen in
Schönfärberei, wie das Unterhaltung und Kunst manchmal
dürfen, erscheint dem Christsein im 21. Jahrhundert kaum
angemessen.

Pfarrer Dr. Andreas Mersch