Auf einen Kaffee
Am 17. Januar 1685 erhält der Armenier Johannes Diodato als
Erster ein kaiserliches Privileg für den öffentlichen Ausschank
von Kaffee. Damit kann er das erste Wiener Kaffeehaus eröffnen.
Das neue Getränk fand bei der Wiener Bevölkerung großen
Anklang, sodass die Zahl der Kaffeehäuser rapide anstieg. Um
1900 gab es 600 Kaffeehäuser in der Donaumetropole. Seit
2011 gehört die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen
Kulturerbe der UNESCO.
Zu dieser Kultur gehört, dass man einen Kaffee bestellen und
dann stundenlang an seinem Tisch sitzen konnte, die vorhandenen
Zeitungen lesen, als Schriftsteller dort arbeiteten. Es war ein
Ort des Gedankenaustausches.
Man kann solche Orte nicht hoch genug wertschätzen. Frei von
wirtschaftlicher Verwertungslogik. Frei von Leistungszwang. Frei
von Zielen, die man erreichen, und Dingen, die man haben
muss. Frei, um einfach nur da zu sein. Den Alltag unterbrechen,
nicht mehr funktionieren müssen. Genießen.
Jesus zog sich mit seinen Jüngern und Jüngerinnen immer wieder
an solche Orte zurück, auch ohne dass dort Kaffee ausgeschenkt
wurde. Orte der Stille. Orte des Rückzugs. Orte, um
ungezwungen für sich, mit Gott und miteinander zu sein. Jesus
wusste: Das Reich Gottes wird nicht kommen, wenn wir immer
nur im Hamsterrad sind. Wo zwei oder drei in meinem Namen
versammelt sind. In seinem Namen, das ist dann, wenn wir frei
da sind und einander freigeben. In seinem Namen beisammen
sein, das passt gut in ein Wiener Kaffeehaus.
Stefan Zweig schrieb in seinen Memoiren, dass das Wiener Kaffeehaus
„eine Institution besonderer Art darstellt, die mit keiner
ähnlichen der Welt zu vergleichen ist“. Man könnte auch sagen,
es ist ein Symbol für einen Ort, den man getrost als Reich Gottes
bezeichnen kann. Gönnen wir uns immer wieder den Besuch
solcher Orte. Und Schaffen wir – gerade in diesen Zeiten –
immer wieder solche Orte.
Im kölschen Liedgut zur 5. Jahreszeit gibt es den Titel
„Kaffeebud“, wo es im letzten Refrain so schön heißt:
Jo su ston se en d’r Kaffeebud
un kloppen sich dä Kaffee en d’r Kopp
Bes se sich dann endlich einig sin
Jeder driht sich noch e Brütche ren
Die Fröhstöckspaus es jlich am Eng
Die Junge jevven sich de Häng
„Dann maat et jot bes morje halver zehn!“
Un dann ston se en d’r Kaffeebud…
Pfarrer Andreas Mersch